|  | Impressum + Datenschutz | Kontakt

Klartext.

Stellungnahme der Ingenieurkammer Rheinland-Pfalz zu … 

…“Masterstudiengängen ohne vorhergehendes grundständiges Studium“

Hintergrundinformationen:

In § 35 des rheinland-pfälzischen Hochschulgesetzes ist explizit festgehalten: "die Hochschulen entwickeln für Personen mit Berufserfahrung und für Berufstätige Angebote wissenschaftlicher Weiterbildung. Am weiterbildenden Studium und an sonstigen Weiterbildungsangeboten kann teilnehmen, wer ein Hochschulstudium erfolgreich abgeschlossen oder die erforderliche Eignung im Beruf oder auf andere Weise erworben hat. Für das weiterbildende Studium ist dies insbesondere der Fall, wenn nach Vorliegen der Zugangsvoraussetzungen gemäß § 65 Abs. 1 oder Abs. 2 eine mindestens dreijährige einschlägige Berufstätigkeit absolviert und eine Eignungsprüfung der Hochschule bestanden wurde, durch die die Gleichwertigkeit der beruflichen Qualifikation mit der eines abgeschlossenen grundständigen Studiums festgestellt wird. Eignungsprüfungen nach Satz 3 sind in der Prüfungsordnung zu regeln. Die Veranstaltungen sollen mit dem übrigen Lehrangebot abgestimmt werden und berufspraktische Erfahrungen für die Lehre nutzbar machen." (...) "In Weiterbildungsstudiengängen verleiht die Hochschule in der Regel einen Mastergrad". 

Die Kammer spricht Klartext:

Zuallererst halten wir an dieser Stelle fest: auch aus Sicht der Ingenieurkammer Rheinland-Pfalz wird die Möglichkeit, auf dem zweiten Bildungsweg höhere Ziele zu erreichen, ausdrücklich begrüßt. Wenn also ein Techniker, ein Meister oder Geselle über den 2., Bildungsweg ein Ingenieurstudium anstrebt, verdient er die volle Unterstützung. Aber nur dann, wenn er die entsprechenden Mindestvoraussetzungen erfüllt (Abitur oder Fachabitur). Wenn das nicht der Fall ist, ist ein gewisser Qualitätsverlust höchstwahrscheinlich, wenn nämlich in dem sehr kurzen Bachelor-Studium zuerst noch die Inhalte der gymnasialen Oberstufe gelehrt und gelernt werden müssen. Dies ist jedoch nur die erste Stufe, die nach Auffassung der Kammer in der Hochschulpolitik überdacht werden sollte. Der zitierte § 35 des Hochschulgesetzes ermöglicht einen Masterstudiengang, der bereits nach dreijähriger Berufserfahrung und einer Eignungsprüfung ohne Abitur oder Fachhochschulreife und OHNE vorhergehenden Bachelorstudiengang absolviert werden kann. Hier kann jemand mit Hauptschulabschluss und einer Ausbildung im handwerklichen Bereich z.B. innerhalb von 2 Jahren den akademischen Grad eines Master of Engineering erwerben, ohne vorher jemals eine Hochschule von innen gesehen zu haben. 

Sollte dieser Absolvent (oftmals Absolvent einschlägiger Weiterbildungsinstitutionen) mit den Kollegen, die sich ihr Studium fundiert erarbeitet haben, gleichgestellt werden? Wir sagen dazu: NEIN, das Kann nicht sein! Wo bleibt die Zeit fürs Berufsqualifizierende, für die Forschung, für das Praktische des Berufs? Wir halten es für den falschen Weg, dem Nachwuchs zu suggerieren, er könne - egal mit welcher Vor- und Ausbildung - später alles werden und auch alles studieren. Mit solch einer fortschreitenden Gleichmacherei wird das Bildungssystem zwar nivelliert, jedoch leider nach unten, zum Nachteil der bisherigen guten Ausbildung. Denn Lehrpläne werden inhaltlich heruntergeschraubt und praktische Lerneinheiten gestrichen. Hier wird nach Ansicht der Kammer leider Politik auf dem Rücken und auf Kosten der Jugend und des Nachwuchses sowie der Gesellschaft kommender Generationen gemacht. Man muss in diesem Zusammenhang auch nach dem Verbraucherschutz fragen. Ingenieurleistung steckt in all unseren alltäglichen Situationen. Angefangen bei der Steckdose, über die Verkehrsführung, über Brücken und die Häuser, die wir täglich besuchen, bis hin zu Computern und Gewässern – wie soll Innovation weiter gedeihen, wenn der notwendige Nährboden in Form einer weitreichenden Bildung genommen wird? Nach Auffassung der Ingenieurkammer Rheinland-Pfalz bedeutet qualifizierte Ingenieurarbeit vor allem fundierte Ausbildung der Ingenieure. Denn

  1. sollte der Weg Abitur/Fachabitur – Grundstudium – Masterstudium eingehalten werden, auch auf dem 2. Bildungsweg!
  2. darf das Bachelorstudium nicht zu kurz gefasst werden - 6 Semester sind zu wenig, aber vor allem darf es nicht ausgelassen werden!
  3. ist die Anerkennung der Masterabschlüsse derjenigen, die kein grundständiges Studium absolviert haben, zweifelhaft, da die erforderlichen ECTS-Punkte nicht erbracht sein können und der Bolognavorwand nicht länger greift!
  4. können diese Absolventen nicht Mitglied der Ingenieurkammer Rheinland-Pfalz werden, da das Kammergesetz eine Mindestanzahl von 6 geleisteten theoretischen Fachsemestern voraussetzt (§ 2 Abs. 1 IngKaG)!

So fordert die Ingenieurkammer RheinlandPfalz, dass nicht länger nur der Industrie zugearbeitet wird, die bereits riesige Gewinne durch niedrige Bachelorlöhne einfährt, sondern dass das Landesgedankengut der klugen Köpfe vorangetrieben wird. Wir brauchen bis zu einem gewissen Grad auch technische Eliten, um neue Ideen, fortschrittliche Techniken und clevere Lösungen zu garantieren, oder, wie die frühere Staatsministerin Klaudia Martini formulierte: Intelligente Lösungen sind gefordert!

Mainz, 14.11.2011